Gartentexte Kolumne http://www.gartentexte.ch Gartentexte Kolumne - von Sarah Fasolin Häfliger Thu, 14 Dec 2017 17:44:16 +0100 Sarah Fasolin Häfliger CGFeedMaker 1.0.17 on CMS Made Simple Eine Hand für einen Garten http://www.gartentexte.ch/news/7/15/Eine-Hand-fuer-einen-Garten/ Bevor ich durch das Törchen trat, blieb ich davor stehen, wie ich es oft mache, wenn ich das erste Mal in einen Garten komme. Das Grundstück lag ein paar Tritte tiefer als die Strasse, so dass ich einen schönen Überblick hatte über die blühenden Nachtviolen, die Färberwaid, die Rosen und Wildstauden. Unter mir lag ein Teppich von Blüten und Blättern, über dem Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge ihre Runden drehten. Zwischen Stauden und Bäumen entdeckte ich Gemüsebeete, kreativ verteilt, da und dort. Der Grundriss: Ein simples Rechteck. Darin alles verspielt, ineinandergreifend und doch irgendwie wohl geordnet. Ein Garten, wie man ihn sich leisten kann, wenn man die botanischen Abläufe kennt, die Zusammenhänge, die einzelnen Pflanzen und ihre Eigenschaften. Dann kann man es wild werden lassen, ohne im Dickicht unterzugehen.

Ich wusste, dass ich hier den Garten eines Pflanzen- und Gartenkenners betrat. Ich kannte ihn bloss von seinen Artikeln, die er manchmal für Fachhefte schrieb. Ich stand noch immer an der Strasse und schaute, da trat er aus dem Weidentunnel, mit Strohhut auf dem Kopf. „Komm herein“, rief er mir zu und schlängelte sich zwischen seinen Stauden hindurch mir entgegen. Er lachte, begrüsste mich, fing sogleich an zu erzählen und erst da sah ich, dass ihm die linke Hand fehlte. Unterhalb des Ellenbogengelenkes hörte der Arm auf.

Er zeigte mir seine Sitzecke, den Trockenstandort, das Beet, in dem Spargeln und Blumen miteinander wachsen. Erklärte, dass sich seine Pflanzen zum Teil behaupten müssen, weil sie dicht neben anderen stehen. Die Rosen müssen sich durchsetzen, Johannisbeeren auch, Himbeeren sowieso. Er berichtete von seinen Experimenten, das viele Lehrgeld, das er schon bezahlt hat. Er zeigte mir seine Schätzelis, die er bibäbelet, auf dass sie sich ja nie verabschieden. Ich staunte ob den vielen seltenen Wildstauden wie der behaarten Karde, dem gelben Hornmohn oder – seinem ganzen Stolz – dem Mäuseschwänzchen. Dieses schafft er sogar durch Samen selbst zu vermehren.

Sein Garten lag nicht etwa bequem vor dem Haus, sondern ein paar hundert Meter davon entfernt bei einem Bauernhof. Bevor er das Stück Land pachten konnte, weideten hier Rinder. Sämtliche klassischen Unkräuter machten sich bemerkbar, als er seinen Garten anlegen wollte: Winde, Baumtropf, Schnurgras. Und er stellte fest, dass der Boden voller Samen ist. Wo immer er die Erde bewegt, keimt es sofort und wächst.

Das alles erzählte er ohne Ärger oder Klage. Er stellte es bloss fest als eine Tatsache, die zu diesem Fleck Erde gehört.

Ich folgte ihm durch sein Blütenfeld. Notierte die vielen Geschichten, die ihm überall einfielen. Wie er zum Beispiel mit einer besonders schönen Weide aus den Ferien aus Frankreich zurückkam und die Rute in ein Wasserfass stellte, damit er sie später setzen kann. In diesem Fass wächst sie noch immer, mittlerweile seit sieben Jahren. Er mag Wurzeln von Kohlgewächsen, die er nach der Ernte irgendwo auf Sichthöhe platziert, damit man nicht ungeachtet an ihnen vorbei geht. Und einige Pflanzen mag er vorwiegend wegen ihrem klangvollen lateinischen Namen. Die Engelwurz. Angelica archangelica!

Ganz am Schluss drängte sich irgendwie die Frage auf, wie er dies alles macht mit nur einer Hand. Er selbst hatte es mit keinem Wort erwähnt. Pflanzen, Erlebnisse und Garten-Geschichten standen die ganze Zeit im Vordergrund. Schon wollte ich ihn fragen, wie er dies schafft, so alleine und mit so viel Arbeit. Da wurde mir klar, dass es wohl ist, wie mit anderen Dingen. Tatsachen, die einfach zu einem Stück Land oder Leben gehören. Dass die fehlende Hand für seine Garten- und Pflanzenleidenschaft keine Bedeutung hat.]]>
Fri, 01 Nov 2013 15:34:12 +0100 http://www.gartentexte.ch/news/7/15/Eine-Hand-fuer-einen-Garten/
Kugeln, Kugeln, im ganzen Land... http://www.gartentexte.ch/news/6/15/Kugeln-Kugeln-im-ganzen-Land/ Seit einigen Jahren begegne ich ihnen immer wieder und manchmal dünkt mich, ich sehe sie je länger je häufiger. Farbige Kugeln, auf Stecken aufgespiesst, im Garten verteilt. Manche liegen auch einfach am Boden, um den Teich oder im Staudenbeet. Rot, blau, lila. Auch gelbe habe ich gesehen und silberne. Einige hatten noch eine Schleife am Stecken. Sie waren mir von Anfang an ein Rätsel. Was genau bedeuten sie? Sehnsucht nach Weihnachten? Bloss Deko oder mehr?
In einem Gartenblog im Internet entdeckte ich, dass ich mit meinen Fragen nicht alleine war. Eine Nadine schrieb: «Ich habe zwei rote Rosenkugeln zu Ostern bekommen. Was mach ich jetzt? Ich bin total überfordert!» Sie bekam viele Ratschläge von anderen Gartenfreunden, wie man die Kugel auf einen Stab montiert und so weiter.
Also beschloss ich, ähnlich vorzugehen und fragte meine Facebook-Freunde nach der Bedeutung dieser Kugeln. Die Antworten lauteten: Deko. Schlechter Geschmack. Schrecken die Vögel ab.
Ein Gartenbauer wies mich schliesslich darauf hin, es habe etwas mit Feng Shui zu tun. So kontaktierte ich einen Feng Shui- Gartenberater und schilderte mein Anliegen. Ein Volltreffer! Gemäss der Feng Shui-Lehre haben die Kugeln wichtige Aufgaben im Garten: Sie sollen negative Energien verteilen oder ableiten. Und wenn man sie in einem bestimmten Abstand platziere, könne man Schwingungsfelder auf bauen. Auch die Farben hätten eine Bedeutung und könnten zur Stärkung der Himmelsrichtungen eingesetzt werden. Weiter wirke die spiegelnde Oberfläche harmonisierend auf kantige Strukturen wie Hausecken.
Die Antwort war hochkomplex, und ich konnte mir schwer vorstellen, dass sich alle Besitzer von glänzenden Kugeln damit auseinandergesetzt hatten. Vielen war es vielleicht wie Nadine ergangen, die die Kugeln einfach mal geschenkt bekommen und in den Garten gestellt hatten. Oder sie waren im Gartencenter daran vorbeigelaufen und fanden, was die Nachbarin hat, will man auch. Ab an die Kasse damit. Doch schrieb nicht Nadine etwas von «Rosenkugeln»? Steckt da also noch mehr dahinter? Ich recherchierte weiter und lernte: Angeblich stellten schon die Römer glänzende Kugeln in den Garten und demonstrierten damit Wohlstand. Im 13. Jahrhundert glaubte man, dass die Kugeln Haus und Hof vor bösen Geistern bewahren könnten – in den Glasbläsereien in Venezien herrschte Hochbetrieb. Alle möglichen Bedeutungen wurden den Kugeln zugemessen: Schutz vor Gewittern, erhöhte Fruchtbarkeit, zur Abwehr des Habichts im Hühnerhof. Im Barock, in der Biedermeierzeit, im 21. Jahrhundert, immer mal wieder tauchten die Kugeln in der Geschichte auf. Heute sind sie vor allem als Begleiter von Rosenstöcken beliebt. Irgendwann werden sie wohl wieder verschwinden, um hundert Jahre später erneut Mode zu werden.
Nadine war übrigens ganz glücklich mit ihren Kugeln. Noch viel mehr, als ihr ein Forumskollege schrieb, dass sie sie mit Stroh oder Holzwolle füllen kann, in die sich dann Ohrwürmer einnisten und die Rosen von Blattläusen befreien.
Auch das noch. Was diese Kugeln nicht alles können! Ich bin total überfordert. Und hab sie eigentlich lieber am Weihnachtsbaum als im Garten.

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Tue, 02 Jul 2013 16:01:23 +0200 http://www.gartentexte.ch/news/6/15/Kugeln-Kugeln-im-ganzen-Land/
Mein Grosi und ihr Abschied vom Garten http://www.gartentexte.ch/news/5/15/Mein-Grosi-und-ihr-Abschied-vom-Garten/ Meine Grossmutter war 86, als sie sich entschloss, ihren Garten definitiv an ihre Schwiegertochter abzugeben. Sie war sich sicher, dass dies nun der richtige Zeitpunkt ist. Ein Leben lang hat sie als Bäuerin mit Salat und Gemüse eine grosse Familie ernährt. Und irgendwann nur noch sich selbst, aber auch dies noch viele Jahre mit Freude und Hingabe. Ja, im Alter von 86 Jahren darf man getrost seine Beete vererben und sich die Zwiebeln in der Migros kaufen.
Rundum rieten ihr die Leute zwar, doch noch ein kleines Beet zu behalten. Einfach damit der Schnitt nicht zu hart ausfalle. Damit sie sich langsam von ihrem Garten, den sie von ihrem Stubenfenster aus ja noch jeden Tag sehen würde, verabschieden könne. Niemand konnte sie überzeugen. Sie stellte im Herbst die Hacke in den Schuppen und das war’s.
Im Kräuterbeet wuchs noch die Apfelminze, die ich ihr mal geschenkt hatte.
Was ist besser? Ein Abschied in Raten oder ein kurzer, entschiedener Schlussstrich? Es ist ja längst wissenschaftlich erwiesen, wie viel Gutes ein Garten dem Menschen tut: Massvolle Gartenarbeit reduziert Stress, reguliert den Blutdruck, kurbelt den Kreislauf an, wird die Schmerztoleranz erhöht. Fachleute raten deshalb, sich den Garten auch im Alter möglichst lange zu erhalten, ihn gegebenenfalls zu verkleinern, die Pflege zu vereinfachen, den persönlichen Verhältnissen anzupassen.
Empfohlen wird auch, sich früh genug mit Veränderungen auseinanderzusetzen. Vielleicht ein paar leichte Umgestaltungen vornehmen, die Wechselflorrabatte durch Stauden ersetzen. Polsternelken statt Tagetes. Bartfaden statt Löwenmäulchen.
Das lässt sich manchmal so einfach sagen. Doch wer selber gärtnert, kann sich nur allzu gut vorstellen, wie schwierig ein solcher Prozess ist. Das Herz möchte weitermachen, aber Knie und Rücken können nicht mehr. Wer mit dieser Gewissheit vor seinem Garten steht, der entscheidet so, wie es sich in diesem Moment richtig anfühlt.

Meine Grossmutter hatte sich für die radikale Lösung entschieden. Nie mehr wieder würde sie mir ein Säckli Nüsslersalat mitgeben, frisch im Garten geschnitten. Nie mehr Rüebli einpacken, deren süssen, erdigen Geschmack ich noch immer zu kennen glaube. Auch ich, obwohl unbeteiligt, empfand Wehmut.

Es wurde Winter, es kam der Frühling. Meine Grossmutter holte sich aus dem Schuppen einen alten Eimer und füllte ihn mit Erde. Den stellte sie auf ihren Sitzplatz und steckte Kefen. Bald standen ein zweiter und ein dritter Eimer da, ehemalige Farbkübel, aus denen sich nun Salate und Bohnen reckten. Ein Jahr später bastelte ihr mein Onkel aus einer alten Holzschubkarre ein kleines Hochbeet, in das Grossmutter Sellerie und Lauch pflanzte.
Mittlerweile ist sie 89 Jahre alt und bei jedem Besuch bestaune ich ihre sich stetig ausweitenden Gemüsekulturen. Beim Mittagessen mit Salat aus Eigenproduktion im Teller erzählt sie von Experimenten und schildert Beobachtungen: Was gut kommt, was weniger. Gärtnern in Töpfen ist nicht gleich Gärtnern im Gartenbeet. Wassergabe, Düngung – alles will gut dosiert sein.
Meine Wehmut ist längst verflogen. Doch damals vor ein paar Jahren hatte ich etwas Wichtiges nicht erkannt: Die Beete, die waren ihr wirklich zu viel geworden. Das Gärtnern hingegen ist es noch lange nicht.

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Wed, 01 May 2013 16:25:15 +0200 http://www.gartentexte.ch/news/5/15/Mein-Grosi-und-ihr-Abschied-vom-Garten/
Schöner Unbekannter, wer bist Du? http://www.gartentexte.ch/news/3/15/Schoener-Unbekannter-wer-bist-Du/ Wir begegneten uns das erste Mal in einem Garten nicht weit von mir. Es ist ein paar Jahre her, aber ich erinnere mich noch genau an jenen Augenblick, als ich ihn sah: wie er so dastand, vor dem Haus in der Sonne. Seine Erscheinung war vollkommen: schön, schlank und stolz. In wessen Begleitung er da war, kann ich nicht mehr sagen. Ich hatte nur Augen für ihn. Ich ging auf ihn zu. Ob ich irgendwie seinen Namen werde ausfindig machen können, ging mir durch den Kopf. Und falls nicht, ob ich ihn dann
einfach wieder vergessen könnte? Schliesslich stand ich vor ihm, beugte mich nieder und konnte mich an seinen Sternenaugen nicht satt sehen. Was für ein schöner Zierlauch bist denn du?, dachte ich. Noch nie
zuvor hatte ich ähnlich schöne lila-metallen schimmernde Köpfe gesehen. Und wiegross die waren!
Es war nicht einfach, die Gartenbesitzerin zu finden, denn es war Tag der offenen Tür, die Menschen strömten in Massen herbei.
Doch in einer Traube von Gartenbesuchern traf ich sie an, stellte mich in die Reihe, bis sie alle Fragen vor mir beantwortet hatte. Dann fragte ich sie nach dem Namen dieses Schönlings da in der Rabatte vor dem Haus. „Ach, ich weiss den Namen leider nicht“, sagte sie. „Aber im Herbst grabe ich Ihnen gerne eine Zwiebel aus. Kommen Sie dann doch nochmals vorbei.“
Den ganzen Sommer über überlegte ich mir, welches wohl der beste Platz für ihn wäre. Ich schaute in Gartenbüchern nach was Zierlauche mögen: wasserdurchlässige Böden, sehr sonnige Standorte.
Beides konnte ich bieten.
Offen blieb die Frage, ob ich mich tatsächlich trauen würde, im Herbst nochmals in den Garten zu fahren und zu hoffen, dass die Gartenbesitzerin sich an das Versprechen erinnern würde. Was, wenn nicht? Und würde ihm der Umzug in meinen Garten gefallen? Was, wenn ich eine Zwiebel bekäme, diese aber bei mir nicht blühen wollte?
Im Spätsommer flatterte schliesslich ein Prospekt mit Zwiebelpflanzen ins Haus. Ich blätterte darin, denn ich wollte sowie so ein paar Schachbrettblumen und Narzissen setzen. Da! Es traf mich wie ein Blitz. Unverwechselbar: mein Zierlauch. Ich war mir ganz sicher. Allium christophii sein Name. Stammt ursprünglich aus dem Nord-Iran. Welche Freude des Wiedersehens!
Ich bestellte sechs Stück. Als sie eintrafen, steckte ich zwei davon in eine Schachtel und schickte sie meiner Mutter. Auch ihr würde der strahlende Blütenkopf sicher gefallen. Ich sollte mich nicht täuschen.
Da sein Laub nach dem Verblühen etwas unansehnlich wird, gelblich und verblasst, wird empfohlen, zu seinen Füssen etwas zu setzen, das dies abdeckt. Ich wählte Katzenminze.
Im folgenden Winter dachte ich ein-, zweimal an die Zwiebeln und fragte mich, ob ich sie gut genug mit Maschendraht eingewickelt hatte, sodass ihnen die Mäuse nichts anhaben konnten. Im Frühsommer bestätigte sich dann, dass die vier «Christophii» die kalte Jahreszeit gut überstanden hatten. Zuerst strecken sie ihre lanzettenähnlichen Blätter aus dem Boden. Danach den Blütenstängel, der die Blütenkugel gut eingepackt hält, bis er seine volle Höhe erreicht. Schliesslich sprengen die Hüllblätter auseinander und lassen die Sternenkugel sich entfalten. Fast 30 cm Durchmesser misst eine einzelne Kugel.
Ein imposanter Auftritt, auf den ich mich jedes Jahr von Neuem freue. Ich kann ihn vom Küchenfenster aus sehen und bin jedes Mal glücklich, ihn gefunden zu haben. So wie es sich halt anfühlt, bei einer Liebe auf den ersten Blick.
Sarah Fasolin
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Fri, 15 Feb 2013 15:59:49 +0100 http://www.gartentexte.ch/news/3/15/Schoener-Unbekannter-wer-bist-Du/
Gute Vorsätze für das Gartenjahr http://www.gartentexte.ch/news/4/15/Gute-Vorsaetze-fuer-das-Gartenjahr/ Ich geb’s zu, ich bin bereits ein wenig ungeduldig. Im Herbst noch hatte ich mich müde in die Garten-Winterruhe geschleppt, froh darum, dass die Vegetation in unserer Breite auch einmal Pause macht. Das letzte Garten-Projekt, eine Trockensteinmauer, war nicht mehr ganz fertig geworden. Es war mir egal, ich winterte ein und vergass die Mauer.

Und jetzt, obwohl noch immer Winter, fängt es wieder an. Diese Vorfreude, diese Neugier, dieses kaum warten können, bis man die Gummistiefel wieder montieren kann. Wie jedes Jahr habe ich mir ein paar Dinge vorgenommen, die ich in der neuen Saison nun wirklich umsetzen möchte. Vorsätze für den Garten.

Dieses Jahr zum Beispiel möchte ich nichts verpassen. Keine Knospe unbeachtet lassen, die Frühlings-Platterbse nicht erst entdecken, wenn sie schon verblüht ist. Mehr darauf achten, was das Wetter macht und wie es das Wachstum von Gemüse und Blumen beeinflusst. Frühling, Sommer, Herbst mit allen dazugehörenden Eigenschaften miterleben. Damit ich lerne, die Zusammenhänge im Gartenreich besser zu verstehen und am Ende eines Gartenjahres auch erklären kann, wieso nun der Lauch dieses Jahr nicht so kräftige Stängel machte wie das Jahr zuvor (obwohl er doch scheinbar alles bekam, was er sich wünscht). Meine Nachbarinnen können das, sie gärtnern seit Jahrzehnten. Nicht dass sie alles wüssten – auch sie stehen manchmal gewissen Phänomenen mit Fragezeichen gegenüber. Doch die Momente totaler Ratlosigkeit werden mit jedem Gartenjahr weniger. Dies ist der Lohn jahrelanger Aufmerk- samkeit den Pflanzen, Tieren und Wetterkapriolen gegenüber. Deshalb gilt für dieses Jahr: Nichts verpassen! Und alles Wichtige ins Garten-Tagebuch notieren.

Damit ist der Vorsätze nicht genug. Ich nehme mir zum Beispiel auch vor, die Gartengeräte nach jedem Gebrauch in den Schuppen zu stellen und nicht irgendwo stehen zu lassen. Wie oft habe ich schon den Garten nach einem Schäufelchen oder anderem Werkzeug abgesucht und mich dabei ein wenig geärgert, dass ich das Ding wohl im Zuge einer Ideen-Attacke irgendwo habe liegen lassen. Bestimmt war die Zeit etwas knapp, die Idee jedoch wollte umgesetzt werden, und fürs Aufräumen hatte es am Ende nicht mehr gereicht.

Es gibt noch einen dritten Vorsatz: Die Winden in diesem Jahr immer früh genug ausreissen. Vielleicht einen wöchentlichen Winden-Durchgang einplanen. Gezielt mit wachem Auge die Staudenbeete und Hecken entlang gehen und alles, was sich schlangenartig um Büsche und Blumen schlingt, sofort ausrupfen. Nicht dass ich den Winden ihren Erfolg im Pflanzenreich nicht grundsätzlich gönne. Ihre Leistung ist eigentlich bewundernswert: In zwei Stunden schafft sie eine Umdrehung um einen Pflanzenstängel. Trotzdem ist mir ihre Wuchsfreudigkeit zu viel. Vielleicht schaffe ich es dieses Jahr, mich wöchentlich der Winde zu widmen. Als Vorsatz steht es auf jeden Fall schon einmal auf der Liste.

Und zu guter Letzt habe ich den Genuss- Vorsatz. Es gibt da so ein wunderbares Plätzchen gleich neben dem Teich. Leicht erhöht, sodass man das Geschehen über dem und am Wasser beobachten kann.

Auch im Geäst der Silberpappel, die am Rande dieser schönen Ecke steht, gibt es immer einiges zu sehen. Dem Kleiber kann man hier zuschauen, wie er kopfüber am Stamm auf und abgeht und in der Rinde nach Insekten sucht. Doch viel zu oft stehen die Stühle unbenutzt da. Vielleicht gelingt es mir im neuen Gartenjahr wenigstens diesem Vorsatz genügend Beachtung zu schenken. Dann ist Vorsatz Nummer eins auch gleich erfüllt, weil wer sitzt und beobachtet, der erkennt, versteht und lernt.

Die anderen beiden Vorsätze, ich geb’s zu, sind mir eigentlich nicht überaus wichtig. Natürlich sind verschollene Gartenwerkzeuge und dominante Winden lästige Angelegenheiten. Aber irgendwie schaffen es die zwei Vorsätze auf der Prioritätenliste nie ganz nach oben, weshalb sie jedes Jahr wieder von Neuem gesetzt werden. Das Schönste am Garten ist sowieso, dass es nie zu spät ist. Und nicht nur der Jahresanfang, sondern jeder Tag die Chance birgt, neu anzufangen.

Sarah Fasolin

 

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Sat, 15 Dec 2012 21:47:42 +0100 http://www.gartentexte.ch/news/4/15/Gute-Vorsaetze-fuer-das-Gartenjahr/