Schöner Unbekannter, wer bist Du?

15. Februar 2013
Wir begegneten uns das erste Mal in einem Garten nicht weit von mir. Es ist ein paar Jahre her, aber ich erinnere mich noch genau an jenen Augenblick, als ich ihn sah: wie er so dastand, vor dem Haus in der Sonne. Seine Erscheinung war vollkommen: schön, schlank und stolz. In wessen Begleitung er da war, kann ich nicht mehr sagen. Ich hatte nur Augen für ihn. Ich ging auf ihn zu. Ob ich irgendwie seinen Namen werde ausfindig machen können, ging mir durch den Kopf. Und falls nicht, ob ich ihn dann
einfach wieder vergessen könnte? Schliesslich stand ich vor ihm, beugte mich nieder und konnte mich an seinen Sternenaugen nicht satt sehen. Was für ein schöner Zierlauch bist denn du?, dachte ich. Noch nie
zuvor hatte ich ähnlich schöne lila-metallen schimmernde Köpfe gesehen. Und wiegross die waren!
Es war nicht einfach, die Gartenbesitzerin zu finden, denn es war Tag der offenen Tür, die Menschen strömten in Massen herbei.
Doch in einer Traube von Gartenbesuchern traf ich sie an, stellte mich in die Reihe, bis sie alle Fragen vor mir beantwortet hatte. Dann fragte ich sie nach dem Namen dieses Schönlings da in der Rabatte vor dem Haus. „Ach, ich weiss den Namen leider nicht“, sagte sie. „Aber im Herbst grabe ich Ihnen gerne eine Zwiebel aus. Kommen Sie dann doch nochmals vorbei.“
Den ganzen Sommer über überlegte ich mir, welches wohl der beste Platz für ihn wäre. Ich schaute in Gartenbüchern nach was Zierlauche mögen: wasserdurchlässige Böden, sehr sonnige Standorte.
Beides konnte ich bieten.
Offen blieb die Frage, ob ich mich tatsächlich trauen würde, im Herbst nochmals in den Garten zu fahren und zu hoffen, dass die Gartenbesitzerin sich an das Versprechen erinnern würde. Was, wenn nicht? Und würde ihm der Umzug in meinen Garten gefallen? Was, wenn ich eine Zwiebel bekäme, diese aber bei mir nicht blühen wollte?
Im Spätsommer flatterte schliesslich ein Prospekt mit Zwiebelpflanzen ins Haus. Ich blätterte darin, denn ich wollte sowie so ein paar Schachbrettblumen und Narzissen setzen. Da! Es traf mich wie ein Blitz. Unverwechselbar: mein Zierlauch. Ich war mir ganz sicher. Allium christophii sein Name. Stammt ursprünglich aus dem Nord-Iran. Welche Freude des Wiedersehens!
Ich bestellte sechs Stück. Als sie eintrafen, steckte ich zwei davon in eine Schachtel und schickte sie meiner Mutter. Auch ihr würde der strahlende Blütenkopf sicher gefallen. Ich sollte mich nicht täuschen.
Da sein Laub nach dem Verblühen etwas unansehnlich wird, gelblich und verblasst, wird empfohlen, zu seinen Füssen etwas zu setzen, das dies abdeckt. Ich wählte Katzenminze.
Im folgenden Winter dachte ich ein-, zweimal an die Zwiebeln und fragte mich, ob ich sie gut genug mit Maschendraht eingewickelt hatte, sodass ihnen die Mäuse nichts anhaben konnten. Im Frühsommer bestätigte sich dann, dass die vier «Christophii» die kalte Jahreszeit gut überstanden hatten. Zuerst strecken sie ihre lanzettenähnlichen Blätter aus dem Boden. Danach den Blütenstängel, der die Blütenkugel gut eingepackt hält, bis er seine volle Höhe erreicht. Schliesslich sprengen die Hüllblätter auseinander und lassen die Sternenkugel sich entfalten. Fast 30 cm Durchmesser misst eine einzelne Kugel.
Ein imposanter Auftritt, auf den ich mich jedes Jahr von Neuem freue. Ich kann ihn vom Küchenfenster aus sehen und bin jedes Mal glücklich, ihn gefunden zu haben. So wie es sich halt anfühlt, bei einer Liebe auf den ersten Blick.
Sarah Fasolin