Mein Grosi und ihr Abschied vom Garten

1. Mai 2013

Meine Grossmutter war 86, als sie sich entschloss, ihren Garten definitiv an ihre Schwiegertochter abzugeben. Sie war sich sicher, dass dies nun der richtige Zeitpunkt ist. Ein Leben lang hat sie als Bäuerin mit Salat und Gemüse eine grosse Familie ernährt. Und irgendwann nur noch sich selbst, aber auch dies noch viele Jahre mit Freude und Hingabe. Ja, im Alter von 86 Jahren darf man getrost seine Beete vererben und sich die Zwiebeln in der Migros kaufen.
Rundum rieten ihr die Leute zwar, doch noch ein kleines Beet zu behalten. Einfach damit der Schnitt nicht zu hart ausfalle. Damit sie sich langsam von ihrem Garten, den sie von ihrem Stubenfenster aus ja noch jeden Tag sehen würde, verabschieden könne. Niemand konnte sie überzeugen. Sie stellte im Herbst die Hacke in den Schuppen und das war’s.
Im Kräuterbeet wuchs noch die Apfelminze, die ich ihr mal geschenkt hatte.
Was ist besser? Ein Abschied in Raten oder ein kurzer, entschiedener Schlussstrich? Es ist ja längst wissenschaftlich erwiesen, wie viel Gutes ein Garten dem Menschen tut: Massvolle Gartenarbeit reduziert Stress, reguliert den Blutdruck, kurbelt den Kreislauf an, wird die Schmerztoleranz erhöht. Fachleute raten deshalb, sich den Garten auch im Alter möglichst lange zu erhalten, ihn gegebenenfalls zu verkleinern, die Pflege zu vereinfachen, den persönlichen Verhältnissen anzupassen.
Empfohlen wird auch, sich früh genug mit Veränderungen auseinanderzusetzen. Vielleicht ein paar leichte Umgestaltungen vornehmen, die Wechselflorrabatte durch Stauden ersetzen. Polsternelken statt Tagetes. Bartfaden statt Löwenmäulchen.
Das lässt sich manchmal so einfach sagen. Doch wer selber gärtnert, kann sich nur allzu gut vorstellen, wie schwierig ein solcher Prozess ist. Das Herz möchte weitermachen, aber Knie und Rücken können nicht mehr. Wer mit dieser Gewissheit vor seinem Garten steht, der entscheidet so, wie es sich in diesem Moment richtig anfühlt.

Meine Grossmutter hatte sich für die radikale Lösung entschieden. Nie mehr wieder würde sie mir ein Säckli Nüsslersalat mitgeben, frisch im Garten geschnitten. Nie mehr Rüebli einpacken, deren süssen, erdigen Geschmack ich noch immer zu kennen glaube. Auch ich, obwohl unbeteiligt, empfand Wehmut.

Es wurde Winter, es kam der Frühling. Meine Grossmutter holte sich aus dem Schuppen einen alten Eimer und füllte ihn mit Erde. Den stellte sie auf ihren Sitzplatz und steckte Kefen. Bald standen ein zweiter und ein dritter Eimer da, ehemalige Farbkübel, aus denen sich nun Salate und Bohnen reckten. Ein Jahr später bastelte ihr mein Onkel aus einer alten Holzschubkarre ein kleines Hochbeet, in das Grossmutter Sellerie und Lauch pflanzte.
Mittlerweile ist sie 89 Jahre alt und bei jedem Besuch bestaune ich ihre sich stetig ausweitenden Gemüsekulturen. Beim Mittagessen mit Salat aus Eigenproduktion im Teller erzählt sie von Experimenten und schildert Beobachtungen: Was gut kommt, was weniger. Gärtnern in Töpfen ist nicht gleich Gärtnern im Gartenbeet. Wassergabe, Düngung – alles will gut dosiert sein.
Meine Wehmut ist längst verflogen. Doch damals vor ein paar Jahren hatte ich etwas Wichtiges nicht erkannt: Die Beete, die waren ihr wirklich zu viel geworden. Das Gärtnern hingegen ist es noch lange nicht.