Eine Hand für einen Garten

1. November 2013

Bevor ich durch das Törchen trat, blieb ich davor stehen, wie ich es oft mache, wenn ich das erste Mal in einen Garten komme. Das Grundstück lag ein paar Tritte tiefer als die Strasse, so dass ich einen schönen Überblick hatte über die blühenden Nachtviolen, die Färberwaid, die Rosen und Wildstauden. Unter mir lag ein Teppich von Blüten und Blättern, über dem Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge ihre Runden drehten. Zwischen Stauden und Bäumen entdeckte ich Gemüsebeete, kreativ verteilt, da und dort. Der Grundriss: Ein simples Rechteck. Darin alles verspielt, ineinandergreifend und doch irgendwie wohl geordnet. Ein Garten, wie man ihn sich leisten kann, wenn man die botanischen Abläufe kennt, die Zusammenhänge, die einzelnen Pflanzen und ihre Eigenschaften. Dann kann man es wild werden lassen, ohne im Dickicht unterzugehen.

Ich wusste, dass ich hier den Garten eines Pflanzen- und Gartenkenners betrat. Ich kannte ihn bloss von seinen Artikeln, die er manchmal für Fachhefte schrieb. Ich stand noch immer an der Strasse und schaute, da trat er aus dem Weidentunnel, mit Strohhut auf dem Kopf. „Komm herein“, rief er mir zu und schlängelte sich zwischen seinen Stauden hindurch mir entgegen. Er lachte, begrüsste mich, fing sogleich an zu erzählen und erst da sah ich, dass ihm die linke Hand fehlte. Unterhalb des Ellenbogengelenkes hörte der Arm auf.

Er zeigte mir seine Sitzecke, den Trockenstandort, das Beet, in dem Spargeln und Blumen miteinander wachsen. Erklärte, dass sich seine Pflanzen zum Teil behaupten müssen, weil sie dicht neben anderen stehen. Die Rosen müssen sich durchsetzen, Johannisbeeren auch, Himbeeren sowieso. Er berichtete von seinen Experimenten, das viele Lehrgeld, das er schon bezahlt hat. Er zeigte mir seine Schätzelis, die er bibäbelet, auf dass sie sich ja nie verabschieden. Ich staunte ob den vielen seltenen Wildstauden wie der behaarten Karde, dem gelben Hornmohn oder – seinem ganzen Stolz – dem Mäuseschwänzchen. Dieses schafft er sogar durch Samen selbst zu vermehren.

Sein Garten lag nicht etwa bequem vor dem Haus, sondern ein paar hundert Meter davon entfernt bei einem Bauernhof. Bevor er das Stück Land pachten konnte, weideten hier Rinder. Sämtliche klassischen Unkräuter machten sich bemerkbar, als er seinen Garten anlegen wollte: Winde, Baumtropf, Schnurgras. Und er stellte fest, dass der Boden voller Samen ist. Wo immer er die Erde bewegt, keimt es sofort und wächst.

Das alles erzählte er ohne Ärger oder Klage. Er stellte es bloss fest als eine Tatsache, die zu diesem Fleck Erde gehört.

Ich folgte ihm durch sein Blütenfeld. Notierte die vielen Geschichten, die ihm überall einfielen. Wie er zum Beispiel mit einer besonders schönen Weide aus den Ferien aus Frankreich zurückkam und die Rute in ein Wasserfass stellte, damit er sie später setzen kann. In diesem Fass wächst sie noch immer, mittlerweile seit sieben Jahren. Er mag Wurzeln von Kohlgewächsen, die er nach der Ernte irgendwo auf Sichthöhe platziert, damit man nicht ungeachtet an ihnen vorbei geht. Und einige Pflanzen mag er vorwiegend wegen ihrem klangvollen lateinischen Namen. Die Engelwurz. Angelica archangelica!

Ganz am Schluss drängte sich irgendwie die Frage auf, wie er dies alles macht mit nur einer Hand. Er selbst hatte es mit keinem Wort erwähnt. Pflanzen, Erlebnisse und Garten-Geschichten standen die ganze Zeit im Vordergrund. Schon wollte ich ihn fragen, wie er dies schafft, so alleine und mit so viel Arbeit. Da wurde mir klar, dass es wohl ist, wie mit anderen Dingen. Tatsachen, die einfach zu einem Stück Land oder Leben gehören. Dass die fehlende Hand für seine Garten- und Pflanzenleidenschaft keine Bedeutung hat.